Vom Anfang und vom Ende - Persönliche Worte zum Gebären und zum Sterben

Eigentlich mag ich die "11". Ich mag ungerade Zahlen und Zahlen, die aus identischen Ziffern bestehen. Finde ich irgendwie schön - dieses Gleiche und Ungleiche vereint.


Heute aber mag ich die "11" nicht. Denn heute sind es elf Jahre, seitdem mein Vater gestorben ist. Mit jedem Jahr, das vergeht, denke ich, dass es einfach schon viel zu lange her ist, dass wir uns das letzte Mal gesehen, gesprochen, umarmt haben. Wie verrückt, was in dieser Zeit alles passiert ist, wie viel sich verändert hat... und gleichzeitig fühlt es sich an, als wäre dieser Tag - heute vor elf Jahren - noch gar nicht so lange her. Den Ablauf der letzten gemeinsamen Stunden, die einzelnen Momente kann ich mir gut aus meinem Gedächtnis hervorholen. Und so läuft jedes Jahr zum Jahrestag die letzte Nacht, der letzte Tag wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Die Gespräche, die letzten Worte, Gesten, Blicke, der Zusammenhalt unserer Familie, das Singen, Halten und Dasein. Ich erinnere mich gut daran, wie dieser letzte Tag verlief.


Vor allem aber weiß ich noch genau, wie wichtig es für uns war, dass uns Raum gegeben wurde, diesen Weg so zu gehen, wie er sich für uns als Familie richtig anfühlte. Wie die Bedürfnisse meines Vaters und von uns Angehörigen im Zentrum standen und wie wir uns sicher fühlten, weil wir Menschen an unserer Seite wussten, die uns stärkten.


Auch zwei Jahre später fand ich mich in einem solchen Raum wieder. Dieses Mal waren es keine Hospiz-Mitarbeitende, sondern Hebammen, die der Familie, die hier im Mittelpunkt stand, zur Seite standen. Ich sah, wie auch ihnen Raum gegeben wurde, den Weg der Geburt so zu gehen, wie er für sie richtig war. Ermutigt durch die Hebammen, auf ihren Instinkt zu hören, mit ihrem Körper mitzugehen...


Wieder fand ich einen Raum voller Ruhe und Kraft, Vertrauen und Liebe, Mut, Loslassen… Alles Worte, die ich so vorher weder mit dem Sterben, noch mit dem Gebären in Verbindung gebracht hatte, die mir aber in diesem Moment für diese Zeiten des Übergangs, sowohl zu Beginn eines neuen Lebens als auch am Lebensende so elementar schienen.


Gleichzeitig fragte ich mich, wieso mein Bild von Geburt bis dahin ein ganz anderes war. Geprägt durch Bilder in den Medien und durch vage Erzählungen aus dem Umfeld war es mit Angst besetzt, mit Schmerzen, Hektik, medizinischen Geräten. Ganz ähnlich wie beim Thema Tod, ein gewisses Tabuthema in unserer Gesellschaft, herausgenommen aus unserer Mitte.


Ich dachte mir damals, wie es wäre, wenn der Anfang und auch das Ende dieses Lebens in unserer Gesellschaft sichtbarer wären. Würde das nicht auch die Art, wie wir mit diesen Themen - der Geburt und dem Sterben - umgehen, verändern? Würde das nicht auch helfen, die Wichtigkeit einer vertrauensvollen, respektvollen Begleitung zu verdeutlichen? Und könnte das uns nicht auch etwas die Angst nehmen und uns dabei helfen, diesen Weg so angenehm und würdevoll wie möglich zu gestalten? Ich denke "ja".


Meinen Vater begleitete ich beim Sterben, bevor ich meine ersten Geburten begleiten durfte. Und doch erinnere ich mich daran, wie ich damals an seiner Seite darüber nachdachte, wie er mir und meiner Mutter bei meiner Geburt zur Seite stand. Ich erkannte Parallelen zwischen diesen beiden Ereignissen, die mit der Begleitung von Geburten und der Begleitung weiterer mir nahestehender Menschen beim Sterben noch deutlicher wurden. Vor allem aber erkannte ich die Wichtigkeit, die diese Begleitung mit sich brachte. Und ich finde es wichtig, darüber zu sprechen, Raum zu geben und zu halten, da zu sein. Bei Geburt, beim Sterben, in der Begleitung von Sternenkind-Eltern. Mit meinen eigenen Erfahrungen und in meiner Arbeit.


Was wohl mein Vater heute dazu sagen würde, wenn er wüsste, wie sehr sein Leben und sein Gehen mich bewegt und geprägt haben...? Auf meinem Weg, in meinem Denken und Fühlen, in meiner Arbeit. Ich bin dankbar, dankbar für sein Sein.


 

"When the sun goes below the horizon he is not set;

the heavens glow for a full hour after his departure.

And when a great and good man sets,

the sky of this world is luminous long after he is out of sight.

Such a man cannot die out of this world.

When he goes he leaves behind him much of himself.

Being dead, he speaks."

Lyman Beecher








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